TEXT VON INES KOHL



"Wer nicht weiß, was Zeit ist, versteht kein Bild" (Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit)

Es gibt Maler, die fegen mit ihrer Überzeugungskraft alles Endzeitgerede über die Malerei und die Bilder über den Tisch. Der Maler Thomas Bindl gehört zu ihnen.
Immer noch sind es überwiegend Köpfe, allenfalls Halbfiguren, die er aus der Erinnerung holt und auf den Bildern wieder erfindet, ziemlich treffende Porträts von Menschen um uns herum. Obwohl in sehr ruhigen Posen verharrend, wirken sie expressiv und die malerische Auffassung läßt impressionistische Anklänge nicht verleugnen. "Ziemlich treffende" Porträts sind es deswegen, weil sie beileibe kein wiedererkennbares Abbild liefern, aber trotzdem den Inbegriff dieser Menschen geben. Bindl hebt sie aus der Durchschnittlichkeit eines ganz normalen Daseins heraus, indem er ihre kleinen Eigenheiten, durchaus nicht ohne Ironie, auf ganz subtile Weise augenfällig macht. Vereinzelte, beliebig austauschbare Attribute typisieren die Personen und unterstreichen zugleich deren Anonymität. Bindl verbindet stark lokalfarbige Flächen zu einer Synthese von Form und Grund und gibt den dargestellten Objekten oder Personen dadurch eine andere Dimension, eine andere Erscheinungsweise. Durch diese formale Gleichbehandlung von Figur und Grund erreicht er eine weitgehende Abstraktion der Form bei gleichzeitiger Intensivierung des Inhalts.
In ihrer neuen Erscheinung sind die Dargestellten einerseits der Realität und damit dem Abbild enthoben, andererseits wird ihr Ausdrucksmoment differenziert übersteigert. Ohne wiedererkennbar zu sein, werden sie zu erkennbaren Individuen.
Dabei ist für Thomas Bindl die Farbe in Materialität und Ton vorrangig, die Malerei an sich als ständig zu verfeinernde Technik eine permanente Herausforderung. Aus dicht miteinander versponnenen Farbflächen löst sich - wie in einem dreidimensionalen Bild - langsam das Motiv heraus, der Blick muß darauf quasi scharfgestellt werden. Trotzdem - und das macht den eigenartigen inhaltlichen Reiz der Bilder aus - ist das Motiv nicht allein Vorwand für die Malerei, sondern durchaus auch Anlaß. Für den Künstler bleibt die Frage, wieweit der individuelle Ausdruck differenziert werden darf, ohne in abbildenden Realismus umzukippen, wieweit die Form abstrahiert werden kann, ohne sich zu verselbständigen. Thomas Bindl wägt diese Frage jedesmal aufs neue ab; mit Geduld, dem neugierigen Blick des Künstlers und einer großen Hingabe an die Malerei schafft er eine Identifikation von Aussehen und Bedeutung, die sich auch dem Betrachter mitteilt. Zeit und Liebe zur Sache sind nötig, um das zu erreichen. Über beides verfügt der Maler, sowie über Geduld und die notwendige Langsamkeit, die Zeit zu nutzen, um mit der Sache eins zu werden. Denn die Langsamkeit, der scheinbare Defekt von Nadolnys Protagonisten in seinem Roman über "Die Entdeckung der Langsamkeit", verändert den Blick auf die Welt.

Nach einem längeren Florenzaufenthalt 1997 fanden sich neue grelle Farben und Konturen in diesen Bildern und brachten ein Element, das aus der bisher manchmal melancholischen, milchig-nebligen Tonigkeit hinausweist und die Gesichter fast poppige Züge annehmen läßt. Dabei bleibt das eigentlich faszinierende Thema für den Maler dann eben doch die Malerei, noch dazu eine äußerst raffinierte. Die Farbe ist Fläche und Form, Figur und Grund zugleich, je nachdem, worauf der Blick sich einstellt, ändert sich der Schwerpunkt. Das erreicht der Maler mit einer Bildfläche, die trägt, wobei er in den Genuß kommt, eine glänzende Kür der Malerei zu zeigen. Und dann passiert der Glücksfall, daß Erscheinung und Bedeutung, Inhalt und Form in eins fallen.
Nicht das Abbilden, sondern das Malen schafft Bilder, nicht der schnelle Blick, sondern langes Schauen führt zu ihrem Verständnis.

Januar 1998 Ines Kohl
Etwas mehr als Malerei Thomas Bindl Katalog 02.01.98  01.02.98



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