Theresien 13, Münchener Secession



Rede zur Ausstellungseröffnung "Thomas Bindl - Malerei und Grafik" in der Galerie Theresien 13, München am 5.6.2008


Betrachtet man die Bilder von Thomas Bindl so sieht man einen Stuhl, eine daraufgeworfene Decke, Blumen, wie sie sich auf einsamen Stil in die Höhe recken, und - und dies in erster Linie - einzelne Figuren und Köpfe. Die Bilder sind dabei auf das Wesentliche, eben einen Stuhl, einen Kopf oder eine Blume beschränkt. Es gibt kaum Nebenschauplätze und damit auch keine Ausflucht vor der viele seiner Bilder durchziehenden tiefgreifenden Traurigkeit, die sich teilweise durch die düstere Farbigkeit noch verstärkt. Diese Traurigkeit mag auf einen ersten oberflächlichen Blick befremden.

Lässt man sich jedoch von diesem irritierenden Gefühl nicht abhalten, die Bilder näher zu betrachten, so stößt man auf die hinter dem Gegenstand liegende Malerei, die auch wenn sie sich zu dieser oberflächlichen Schwere des Sujets verdichtet nichts damit gemein zu haben scheint. Es sind locker hingeworfene Farben, Striche, ein Malstil zwischen impressionistischer Leichtigkeit und gestischem Duktus. Damit aber scheint sich das Befremdliche, das die Bilder auslösen noch zu verstärken.

Diese scheinbare Widersprüchlichkeit auflösen kann möglicherweise ein Blick auf den Entstehungsprozess der Bilder. Zunächst ist da eine weiße Leinwand, eine tabula rasa, die - nur durch ihre Außenmaße definiert - und eher zufällig mit einem mehr oder weniger diffusen Chaos von einzelnen Pinselstrichen und Farben belegt wird. Es folgt dann ein Prozess des immer wieder kehrenden Betrachtens, Suchens, Findens und Verwerfens, in dem sich das Bild langsam, Schicht für Schicht entwickelt. So reifen die einzelnen Bilder, ohne zuvor einer vorgefertigten Idee zu verfallen. Farbe und Form finden dabei eher spielerisch und verträumt zusammen.

Bei solch einer intuitiven Art des Arbeitens verwundert nun dieser Hauch von Melancholie, den jedes Bild in sich trägt wenig. Nach dem großen Enzyklopädisten Denis Diderot ist die Melancholie das beständige Gefühl unserer Unvollkommenheit. Und jedes Bild, auch wenn sein Entstehungsprozess abgeschlossen sein mag, ist gekennzeichnet von dieser Unvollkommenheit, da es im Entstehungsprozess auch immer ein ganz anderes hätte werden können. Hinter ihm stehen all die Möglichkeiten, die nie genutzt wurden und nun für immer verloren sind. Auch wenn der Maler immer wieder betont, dass jedes Bild, das verworfen wurde, wieder möglich sei, so kann ich dies - da ich den Maler und den Entstehungsprozess der Bilder sehr gut kenne - nicht bestätigen.

Die Bilder sind damit aber Abbild unseres eigenen menschlichen Lebens: zufällig durch eine Laune der Natur bedingt, entwickelt sich sehr früh, Schicht um Schicht, durch die einzelnen Erfahrungen und Beziehungen das Individuum. Ein Individuum, das auch ein anderes hätte sein können und doch nur das ist, zu dem es geworden ist. Jeder Mensch wird dabei mit den einengenden Grenzen der Existenz konfrontiert. Daher sind uns die dargestellten Köpfe, die im Sessel gebeugten Gestalten, die Blumen die sich trotzig nach oben recken, der verlassene Stuhl, so vertraut. Thomas Bindl hält uns mit seinen Bildern einen Spiegel vor - und er schreckt nicht vor dem Totenschädel, als Zeichen unserer Sterblichkeit zurück.

Er wendet sich damit gegen die Bilder der uns allseits umgebenden Medien und vor allem der Werbung, die uns eine schöne, sichere und sorgenfreie Welt verheißen.

Es ist der eigentliche Mensch, den Thomas Bindl darstellt. Der Mensch in seiner kritisch-krisischen Grundbefindlichkeit, der immer wieder gezwungen ist, in einem beständigen Prozess des Suchens, Verlierens und Findens sich selbst zu konstituieren.

Bilder von solch tiefgreifender Wahrheit können nicht oberflächlich spektakulär sein. Thomas Bindls Bilder schlagen daher die leisen Töne an, die darum um so eindringlicher sind. Damit brauchen sie keinen analytisch - theoretischen Überbau, wie er bei vielen Kunstwerken der heutigen Zeit notwendig geworden ist, wobei nicht selten überdeckt werden soll, dass ein Ausdruck jenseits der Worte, die eigentliche Aufgabe der Bildenden Kunst, nicht mehr möglich ist.

Um das Ausloten gerade des Ausdrucks und der Möglichkeiten der Malerei jenseits der Sprache geht es Thomas Bindl in besonderer Weise. Die Farbe ist dabei sein Medium.

Mit jedem neuen Bild lädt er den Betrachter ein, den kreativen Prozess - durch seine eigene Interpretation und Bildwelt abzuschließen. Ein Bild kann dann als vollendet gelten, wenn es in sich stimmig ist. Stimmigkeit als eine ästhetische Kategorie, lässt sich aber nicht durch theoretische Überlegungen, sondern nur durch beständige Schulung des Sehens und des Fühlens erleben. Hierzu kann die Kunst - und dabei in ganz besonderer Weise - zunächst irritierende und befremdende Bilder wie die von Thomas Bindl - beitragen. Und so bleibt mir nur noch gemäß Friedrich Hölderlin zu sagen: „Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben, Siehst du das Eine recht, siehst du das andere auch.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Betrachten der Bilder und der daraus resultierenden Selbsterkenntnis.


Dr. med. Dr. phil. Barbara Häcker 4.6.08





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